Dein Papierkorb quillt nicht über vor lauter Papierfetzen, obwohl du alle seine Briefe zerrissen hast. Das liegt daran, dass er in den ganzen Jahren insgesamt nur 6 Blätter beschrieb. Das war okay, weil sie dadurch noch viel besonderer waren. Das war auch okay, weil sie alle in einen Umschlag passten und du sie somit immer gleichzeitig griffbereit hattest. Jedenfalls befinden sie sich nun im Müll, da gehören sie eigentlich nicht hin und sind dort auch nicht in einem hysterischen Anfall gelandet. Nicht aus Trotz oder Wut. Sondern aus selbsttherapeutischen Zwecken. Die Blume, die er zu Valentin gemalt hat, liegt obenauf. Sie ist nicht zerrissen, weil du hoffst, dass sie irgendeiner findet und für genauso schön erklärt, wie du es damals tatest. Sie sollte an irgendeiner Wand hängen. Nur nicht mehr an deiner.

In einem anderen Eimer liegen Tonträger. Von ihm. Ja du bist Mülltrenner, großartig. Um die Musik tut es dir Leid, wobei… eigentlich war mindestens die Hälfte sowieso illegal. Um die tut es dir weniger Leid. Aber um den Rest. Du könntest gerne ein bisschen weinen, aber da fällt dir auf, dass du das in den letzten Tagen schon genug praktiziert hast und man soll ja nicht alles Pulver auf einmal verschießen. Ne, soll man echt nicht.

Irgendwo liegt ein gelber Sack und der bildet einen Kontrast zu den restlichen Behältern, weil er gelb ist. Und weil er etwas Grünes enthält. Ein Veranstaltungs-Armband. Ein hässliches aus Plastik, das nie zu deinen Klamotten gepasst hat. Fällt mir aber auch erst jetzt auf. Es hat deinen Arm umarmt, seit er und du euch so gut kannten, dass ihr gute Freunde genannt werden konntet. Seit dieser Veranstaltung eben. Du vermisst es jetzt schon, es war 3 Jahre lang der einzige farbige Fleck in deiner Klamottenwahl. Und du wirst es vermissen, gefragt zu werden warum du ein so hässliches Band trägst, das noch nicht einmal coolerweise von Rock am oder im Irgendwo stammt. Und zu sagen, dass du es trägst, weil es dich an die Person erinnert, die dir alles bedeutet – das wird dir am meisten fehlen.

Du beseitigst alle seine materiellen Spuren aus deinem Leben. Unglaublich, dass all das, was immer das wichtigste war, weil es von ihm, mit ihm, über ihn oder sonstwie ein Teil von ihm darstellte, jetzt verschiedene Mülleimer füllt. Einer davon ist übrigens digital: Du löscht alle Bilder deiner Festplatte. Und du bemerkst, dass es nichts bringt. Er ist noch immer da. Dich erfasst ein Gefühl, das ich spontan als leichte Verzweiflung bezeichnen würde. Darum schreibst du alles auf, alles was dir einfällt. Alles, was dich an ihn erinnert. Gedanken, Erlebnisse, Erfahrungen, Gesichtsausdrücke, Worte, Redewendungen und verbrennst es. Alles. Wenn die Wohnung abbrennt, ist dir das recht. Weil es bedeuten würde, dass sein Bademantel ebenfalls zu Asche werden würde. Gut, dann musst du dich schon darum nicht mehr kümmern.

Die Wohnung brennt natürlich nicht ab und vielleicht ist das nicht mal schlecht. Kurzes Gefühl von Dankbarkeit. Du musst ja irgendwo wohnen. Auch wenn du nicht mehr willst.

Du nimmst dein Handy und lischst alles, was von ihm ist. Du musst dir eingestehen, dass es da nicht allzu viel zu löschen gibt. Die Zeiten, in denen du jede seiner SMS als 'ungelesen' markiertest, um sie noch einmal mit dem selben Effekt lesen zu können, sind schon seit beinahe einem Jahr vorbei. Das liegt daran, dass es keine SMS von ihm auf deinem Handy gibt. Und das liegt daran, dass ihr keine Freunde mehr seid. Fällt dir das erst jetzt auf? Nein. Es gibt nichts zu löschen, außer der Zahlenkombination im Telefonbuch, unter der er zu erreichen ist. War. Zuhause und mobil. Bevor du das allerdings tust, befreist du jede einzelne Schnellwahltaste - es sind 9 - von seiner Nummer. Warum du das tust, weißt du nicht aber du kommst dir saublöd vor, weil sich dabei 9mal dein "das geschieht dir ganz recht"-Gesichtsausdruck auf dem Display widerspiegelt. Es gibt dir trotzdem ein gutes Gefühl, obwohl du weißt, dass es ihn nur peripher tangiert, wie er sagen würde. Der Spruch ist scheiße, übrigens. Den musst du auch noch verbrennen, gut, dass mir das einfällt. Schlecht, dass dir einfällt, dass dieses "geschieht dir ganz recht" möglicherweise unterbewusst an dich selbst gerichtet ist. Man weiß ja nie, was dem Unterbewusstsein so alles bewusst sein kann. Und das schlimme ist, es geschieht dir tatsächlich ganz recht. Das hier ist deine Schuld. Das freut dich nicht.

Später fällt dir auf, dass du seine Nummer auswendig kannst. Du schaust dir 2 Stunden lang Börsenkurse an und hoffst, dass dich diese genügend verwirren, um die spezifischen Ziffern seines Anschlusses zu vergessen. Vielleicht vergisst du zufällig auch das Datum seines Geburtstages. Mann, das wäre so praktisch. Ein bisschen freust du dich, bis dir einfällt, dass du seine Nummer im Dunkeln wählen kannst. Scheiße, deine Finger tippen automatisch, weil die Bewegung, der Abstand und die Richtung von Taste zu Taste so verdammt bekannt sind. Du gehst in irgendein Fachgeschäft für Telefone, obwohl du nicht weißt, ob es so etwas heutzutage noch gibt - und fragst nach einem total abgefahrenen Telefon mit einem Ziffernblatt auf dem die Zahlen nicht durchlaufend von 1 bis 9 geordnet sind, sondern irgendwie anders. Der Verkäufer blickt nichts und dann dich an und er sagt: Musst du dir eine angewöhnte Nummer so vom Wählen her ausprägen? Dir fällt auf, dass er ausprägen sagt und du nicht weißt, ob dieses Wort existiert, obwohl du Germanistik studierst. Du lachst dümmlich und antwortest: Ha, ach quatsch. Aber eigentlich keine schlechte Methode, wenn ich es mal nötig hab.

Du fühlst dich irgendwie transparent und weißt, dass dieser fremde Mensch dich durchschaut. Du fandest deine Idee eigentlich grandios und bist gekränkt, weil er scheinbar ein extraordinäres Kombinationstalent hat. Darum lachst du dümmlich weiter. Das hilft bestimmt. Telefone dieser Art gibt es nicht, dir wird lediglich vorgeschlagen, ein Wählscheiben-Telefon auf dem Flohmarkt zu erstehen oder: he, halte dein Telefon doch nächstes Mal falschherum, dann wählst du auch automatisch eine andere Nummer.

Stimmt. Denkst du und gehst. So eine Wählscheibe ist sowieso total retro. Das letzte Problem wäre hiermit gelöst. Zuhause trinkst du keinen Caro-Kaffee, weil du den ja auch weggeworfen hast. Ein Glück hast du ein neues Bett, in dem er noch nicht geschlafen hat, sonst hättest du auch das in die Tonne kloppen müssen, durchfährt es dich plötzlich. Du stehst in deinem Zimmer und willst eine Banane essen. Du schaust du dich um und denkst: Er ist spurlos verschwunden. Rein gar nichts mehr von ihm vorhanden.

Und das ist eine Lüge.

12.3.10 23:22


 [eine Seite weiter]
Gratis bloggen bei
myblog.de